Arzneimittelrückstände und resistente Keime im Gewässer

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georg
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Arzneimittelrückstände und resistente Keime im Gewässer

Post by georg »

Liebe Vereinskamerad/innen!

Aufgrund der medienwirksam dargestellten Angelegenheit (wir hatten ja unlängst Wahlen...) bezüglich der Keimbelastung in unserem Gewässer habe ich Rücksprache mit unserem Verpächter, der Siegfischereigenossenschaft gehalten.
In der Sache hat sich unser Ansprechpartner dort, für uns an das LANUV gewand und folgende umfangreiche Antwort bekommen:

Ihre Anfrage mit dem Betreff „Arzneimittelrückstände und resistente
Keime im Gewässer“

Sehr geehrter Damen und Herren,
in Ihrem Anschreiben bitten Sie um Unterstützung bezüglich der Anfrage des
Herrn Kreutzmann, ob über Einleitungen von Kläranlagen Medikamentenrückstände
oder „resistente“ Keime in die Gewässer gelangen und ob dies für
Fisch oder Mensch problematisch ist.
Zur Belastung von Gewässern lässt sich folgendes sagen:
Neben Kühl- und Niederschlagswasser wird auch behandeltes Sanitärabwasser
aus Kläranlagen ins Gewässer eingeleitet. In Sanitärabwässern können je
nach Herkunft Krankheitserreger und antibiotikaresistente Bakterien enthalten
sein. Nach bisherigen Untersuchungsergebnissen aus einem Forschungsprojekt
auf Bundesebene (HyReKA, http://www.hyreka.net/) zeigen Klinikabwässer
bzw. kommunale Abwässer mit Klinikabwasseranteil, verglichen mit kommunalen
Abwässern ohne Klinikabwasseranteil, qualitativ eine höhere Belastung
mit klinisch besonders relevanten Bakterien. Dabei handelt es sich um
Bakterien, die gegen 4 Antibiotikagruppen (die als primäre Therapeutika bei
schweren Infektionen eingesetzt werden) resistent sind.1
Durch den Reinigungsprozess in kommunalen Kläranlagen findet eine Verrin-
gerung der mit den Fäkalien eingetragenen Darmbakterien und Krankheitserreger
– um etwa 90-99 % – statt; komplett entfernt werden sie jedoch nicht.
Daher können auch in gereinigtem Abwasser bei Einleitung ins Gewässer
noch Krankheitserreger und antibiotikaresistente Bakterien enthalten sein. Wie
lange eine solche mikrobielle Belastung im Gewässer überdauern kann bzw.
wie weit unterhalb der Einleitung das Gewässer hiervon betroffen ist, ist von
den jeweiligen Mikroorganismen sowie den herrschenden Umgebungsbedingungen
abhängig. Bei Gewässern, die von kommunalen Abwassereinleitungen
betroffen sind, sollte somit berücksichtigt werden, dass hier stets von einer
gewissen mikrobiellen Belastung – auch mit Krankheitserregern – auszugehen
ist.
Hinsichtlich des Vorkommens von antibiotikaresistenten Bakterien in Gewässern
und deren Bedeutung, fehlen derzeit noch Wissens- und Bewertungsgrundlagen,
umfängliche Untersuchungsergebnisse und Risikoabschätzungen,
um verlässliche Aussagen über die Eintragspfade, Wechselwirkungen
und Gefährdungen treffen zu können. Eine zusammenfassende Darstellung
des aktuellen Wissensstands ist beispielsweise den Unterlagen zur Öffentlichen
Anhörung im Bundestag zu dem Antrag der Fraktion BÜNDNIS 90/DIE
GRÜNEN „Unser Wasser vor multiresistenten Keimen schützen“ zu entnehmen. 2
In Nordrhein-Westfalen liegen derzeit noch keine systematischen Gewässeruntersuchungen
auf antibiotikaresistente Bakterien vor. Im Jahr 2018 wurden,
im Auftrag des nordrhein-westfälischen Umweltministeriums, in NRW sondierende
Analysen von Badegewässern durchgeführt. Zwischenergebnisse dieser
Untersuchung wurden in einer Pressemitteilung3 veröffentlicht. Der Abschlussbericht
steht als LANUV-Fachbericht zur Verfügung4. Für die Jahre
2019 bis 2021 plant das LANUV landesweite, systematische Untersuchungen von Gewässern
und Abwässern auf Basis der Ergebnisse des Forschungsverbundes „HyReKA“ sowie weiterer
Untersuchungen.
Zur tatsächlichen mikrobiellen Belastung der Sieg, mit Krankheitserregern
oder antibiotikaresistenten Bakterien, können wir daher zum jetzigen Zeitpunkt
keine konkrete Aussage machen und auch keine diesbezügliche Risikoabschätzung
vornehmen.
Allgemein gilt für Gewässer, die durch Abwassereinleitungen bzw. Abschwemmungen
von landwirtschaftlich intensiv genutzten Flächen belastet
sein können, dass bei Kontakt mit dem Gewässer möglichst wenig oder kein
Wasser oral aufgenommen werden sollte. Außerdem sollten Menschen mit
Hauterkrankungen oder offenen Wunden, einem geschwächten Immunsystem
oder wenn über einen längeren Zeitraum Antibiotika eingenommen werden,
den Wasserkontakt (wie beim Baden) mit natürlichen Oberflächengewässern
(Badegewässer) im Zweifel lieber meiden.5
Bezüglich des Verzehrs des Fischfleischs geangelter Fische sei auf Folgendes
hingewiesen:
Auch wenn Fische nicht krank sind, können relevante antibiotikaresistente
Bakterien allenfalls im Darminhalt der Fische vorkommen. Wichtig ist somit
darauf zu achten, dass das Fischfleisch beim Ausnehmen und Zerteilen nicht
mit dem Darminhalt kontaminiert wird.
Vor etwaig in Lebensmitteln enthaltenen Mikroorganismen, können sich Verbraucher
schützen, indem sie die Regeln der Küchenhygiene einhalten. Das
Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) informiert darüber auf seinen Internetseiten.
6 Diese Regeln gelten auch für Lebensmittel, die mit antibiotikaresistenten
Bakterien belastet sind.
Die wichtigsten Regeln der Küchenhygiene sind dabei:
· Kreuzkontaminationen vermeiden. Das heißt vermeiden, dass Mikroorganismen
von einem auf ein anderes Lebensmittel übertragen werden.
· Abtöten von Mikroorganismen durch richtiges Erhitzen. Bei richtig erhitzen
Speisen mit einer Kerntemperatur von 70 °C für zwei Minuten
werden die meisten Mikroorganismen abgetötet.
Bei Fisch heißt das: Fisch solange erhitzen, bis das Fischfleisch sein
glasiges Aussehen verloren hat und sich leicht mit der Gabel zerteilen
lässt.
Weitere diesbezügliche Informationen entnehmen Sie bitte den Fragen und
Antworten zum Schutz vor Lebensmittelinfektionen7 des Bundesinstituts für
Risikobewertung.
An der Sieg liegen insgesamt 58 kommunale Kläranlagen, die ihr gereinigtes
Abwasser ins Gewässer einleiten. Insgesamt 11 Kläranlagen haben Krankenhäuser
in ihrem Einzugsgebiet. Neben der Ausbaugröße EW ist in Tabelle 1
der Anteil des Kläranlagenablaufs am Gewässer (0,5 MQ – mittlerer Abfluss
im Gewässer), die Anzahl der Krankenhäuser, deren Bettenzahl sowie der
prozentuale Anteil der Bettenzahl an den Einwohnern, die zur Kläranlage entwässern,
aufgeführt. Ab einem Abwasseranteil von 33 % spricht man von einer
deutlichen Beeinträchtigung des Gewässers. Bei vier Kläranlagen ist daher
von einem gewissen Einfluss durch Krankenhausabwasser auszugehen.
Aber auch die von den Einwohnern aufgenommenen Medikamente oder deren
Zersetzungsprodukte (Metaboliten) können über das reinigte Abwasser der
Kläranlagen ins Gewässer gelangen, wenn sie nur teilweise oder gar nicht in
den Kläranlagen abgebaut werden.

Tabelle s.u.

Bezüglich Arzneimittelrückständen im Abwasser wurden an der Sieg im Ablauf
von 11 Kläranlage Untersuchungen auf 46 Arzneimittel durchgeführt (siehe
Anlage 1). Bei 63 % aller Bestimmungen lagen die Analyseergebnisse unterhalb
der Bestimmungsgrenze. Bei weiteren 9 % der Messwerte lagen die eingeleiteten
Konzentrationen unterhalb der Beurteilungswerte im Gewässer.
Der Vergleich von Kläranlagen Ablaufkonzentrationen mit Beurteilungswerten
im Gewässer ist insofern kritisch anzusehen, als dass im Gewässer nach Einleitung
eine Durchmischung bzw. Verdünnung der eingeleiteten Konzentration
eintritt und quasi nur der ungünstigste Fall betrachtet wird.
Bei 28 % der Messwerte wurden die Beurteilungswerte im Gewässer überschritten.
Zu Arzneimittelrückständen in Fischen liegen uns bezüglich der Sieg
keine Erkenntnisse vor.

LANUV

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1 Exner M, Schmithausen R, Schreiber C, Bierbaum G, Parcina M, Engelhart S, Kistemann
T, Sib E, Walger P, Schwartz T. Zum Vorkommen und zur vorläufigen hygienischmedizinischen
Bewertung von Antibiotika-resistenten Bakterien mit humanmedizinischer
Bedeutung in Gewässern, Abwässern, Badegewässern sowie zu möglichen Konsequenzen
für die Trinkwasserversorgung. Hyg Med 2018; 43(5): D46–D54.
2 Deutscher Bundestag Ausschuss für Umwelt, Naturschutz und nukleare Sicherheit, Protokoll-
Nr. 19/13: Wortprotoll der 13. Sitzung, Öffentliche Anhörung zu dem Antrag der Fraktion
BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN Unser Wasser vor multiresistenten Keimen schützen
https://www.bundestag.de/blob/562944/b5 ... protokoll-
19-013-data.pdf
3 Ministerium für Umwelt, Landwirtschaft, Natur- und Verbraucherschutz des Landes Nordrhein-
Westfalen Pressestelle: Pressemitteilung Antibiotikaresistente Bakterien in Badegewässern:
Ergebnisse erster Untersuchungen insgesamt unbedenklich
https://www.umwelt.nrw.de/presse/detail ... kterienin-
badegewaessern-ergebnisse-erster-untersuchungen-insgesamtunbedenklich/?
tx_news_pi1%5Bcontroller%5D=News&tx_news_pi1%5Baction%5D=detail&cHash=5
56fd8995dd4b1b99b7f71be0bafb58e
4 https://www.lanuv.nrw.de/fileadmin/lanu ... richt_93_w
eb.pdf
5 Umwelt Bundesamt: FAQ: Antibiotikaresistente Bakterien in Badegewässern, 16.05.2018,
https://www.umweltbundesamt.de/themen/w ... esistente-
bakterien-in
6 Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR): Küchenhygiene.
https://www.bfr.bund.de/de/kuechenhygiene-193719.html
7 Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR): Fragen und Antworten zum Schutz vor Lebensmittelinfektionen
im Privathaushalt, 08.02.2018
https://www.bfr.bund.de/de/fragen_und_a ... infektione
n_im_privathaushalt-193687.html


Ich hoffe, das bruhigt erst mal die Gemüter. Ich für meinen Teil gehe nach wie vor ohne weitere Bedenken ans Wasser...

Liebe Grüße und Petri Heil!
Georg
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